Gründe der Verbannung von Ovid

Ovid war ein kulturell bedeutender Schriftsteller von herausragender Begabung, der sich dem schöngeistigen Leben und Wirken von klein auf verbunden fühlte. Seine Lebenszeit von 43 v. Chr. bis 18 n. Chr. fiel im Römischen Reich in eine Zeit der Herrschaft des Kaisers Augustus. Augustus schuf nach einem Jahrhundert voller Bürgerkriege Sicherheit und Frieden. Gleichzeitig stellte seine Herrschaft aber auch das Ende der Res Publica dar.

Mit der Abschaffung der aristokratisch-republikanischen Regierungsform ging die Glorifizierung der militärischen Macht einher sowie eine strengere Politik der Sitte und des Anstandes. Außerdem lag die Freiheit eines Menschen in der Hand des Kaisers und auch Schriften und Reden mussten von ihm abgesegnet werden. Diese Umstände erschweren einem „frei lebenden und denkenden“ Schriftsteller eine kritische Auseinandersetzung ebenso wie eine sehr freizügige und liberale Auslegung seiner Lebensauffassung. Obwohl Ovid zu seiner Zeit in Rom ein angesehener Schriftsteller war, so galt seine Tätigkeit als wenig erstrebenswert. Angesehene Berufe unter der oberen Gesellschaftsschicht waren der des Politikers in den verschiedenen Positionen der Ämterlaufbahn oder der des Juristen sowie im militärischen Bereich. Nur mit diesen konnte man unter damaligen Verhältnissen Karriere machen, nicht aber als Schriftsteller, was heute vereinzelt möglich ist. Dazu musste man vermögend sein, um das Leben auf andere Art und Weise finanzieren zu können. Ovid blieb als ausgebildeter Jurist Privatier und hat durch seine freigeistigen Ansichten oder Wahrnehmungen den Zorn des Kaisers Augustus in irgendeiner Form auf sich gezogen. Es stellt sich die Frage, was der Grund für die Verbannung war. Sicher ist, dass der Grund gravierend gewesen sein muss. Möglicherweise ist Ovid Opfer einer Intrige geworden in dem Machtkampf der wenigen politischen Familien, die das Geschehen im Römischen Reich zu der damaligen Zeit bestimmt haben.

Warum wurde Ovid verbannt?

Ovid lebte als einer der ersten bekannt gebliebenen Schriftsteller im Exil, in dem er u.a. mit den Klageliedern Literatur geschaffen hat, die bis heute gelesen wird und als erste Exilliteratur gilt. Er war der prominenteste römische Fall eines Schriftstellers im Exil und wie bei jedem im Exil lebenden Schriftsteller, so hat auch bei Ovid die Verbannung einen Grund. Dieser ist aber im Gegensatz zur Exilliteratur aus der Kriegszeit bis 1945 heute nicht offensichtlich oder als allgemeiner Widerstand gegen ein Unrechtsregime im positiven Sinne anerkannt, sondern der Grund muss zwar dem Senat und damit der Allgemeinheit bekannt gewesen sein, er wurde aber nicht offen artikuliert. Ovid war eine Einzelperson, die verbannt wurde und weder Ovid selbst noch Augustus, der ihn verbannt hat, haben die Gründe der Verbannung klar benannt. Ovid gibt in seinen einzigen Schriftstücken der Verbannung, der Tristia, den Klageliedern, und den Epistulae ex ponto, den Briefen vom Schwarzen Meer, Antworten. Ovid sagt:

„Da zwei Frevel, Gedicht und Verirrung (carmen et error), zugrunde mich richten, sei meines zweiten Vergehens Fehltritt in Schweigen gehüllt: denn ich bin es nicht wert, dich erneut zu verwunden, o Kaiser; ist es doch mehr als zuviel, wenn man dich einmal betrübt.“ (Tristia 2, 207)

Ovid nennt den error oder Fehler nicht, aber er bezeichnet ihn als Irrtum:

„Der Grund der Verbannung ist Irrtum bloß, ist kein verbrecherisch Tun.“ (Tristia 4, 10, 88 – 90)

Ovid führt weiter aus, dass der Grund allgemein bekannt sei:

„Meines Verderbens Grund ist allzu bekannt einem jeden; darum brauch ich ihn nicht selbst zu verkündigen noch.“ (Tristia 4, 10, 98 – 100)

Für den Leser bleibt die Antwort unbefriedigend und er stellt sich die Frage, worin die Schuld Ovids bei seinem Irrtum bestanden hat.

Wodurch wurde Ovid schuldig?

Auf diese Frage antwortet Ovid:

„Warum ward ich schuldig durch Blicke? Weshalb war ich der Tor, der die Verfehlung erkannt?“ (Tristia 2, 103 – 104)

Ovid gibt hier zu verstehen, dass er etwas gesehen hat bzw. eine Verfehlung erkannt hat, die offenbar so gravierend gewesen sein muss, dass sie Augustus dazu veranlasst hat, ihn zu verbannen. Es fand keine ordentliche Verurteilung durch ein Gericht statt und auch kein Beschluss durch den Senat. Der Kaiser Augustus hat sich dieser Verfehlung persönlich angenommen und die Verbannung unter Wahrung der Besitzstände von Ovid veranlasst.

Wie kann man durch Blicke schuldig werden?

Die persönliche Betroffenheit und Kränkung des Kaisers kann in einem absolutistischen System ausreichen, einem Privatmann ohne politische Ämter zu verdammen. Das ist schwer zu verstehen und so fügt Ovid einen Vergleich an:

„Ohne Gewand, nichts ahnend, erblickte Actaeon Diana; doch seinen Hunden dafür ward er nicht minder zum Raub.“ (Tristia 2, 104 – 106)

Hier nimmt Ovid Bezug auf die berühmten von ihm geschriebenen Metamorphosen, wo im dritten Buch der Jäger Aktäon zufällig die nackte Göttin Diana erblickt. Die mit Wasser spritzende beschämte Göttin Diana verwandelt den Jäger dabei in einen Hirsch, der von seinen eigenen Hunden bei der Jagd erlegt wird. Der zufällige Blick auf die nackte Göttin wird dem Jäger zum Verhängnis und führt zu seinem Tod. Möglicherweise hat Ovid selbst eine Verfehlung erotischer Art aus dem Umfeld des Kaisers gesehen. Vielleicht hat er auch von Verschwörungen gegen den Kaiser Kenntnis gehabt, die im Zusammenhang mit ihm selbst aufgeflogen sind. Die Nachfolgeregelung des Kaisers könnte auf politischer Ebene zu Machtkämpfen innerhalb der Familie geführt haben, wobei sexuelle Verfehlungen und Ausschweifungen zu einem bedrohlichen Machtverlust führen können. In diesem Zusammenhang wäre Ovids Wahrnehmung für den Kaiser sehr unangenehm, weil gerade der Kaiser Augustus für strengere moralische Sitten eingetreten ist. Ovid hingegen war durch seine Ars Amatoria, der Liebeskunst, die bereits acht Jahre zuvor erschienen war, bekannt für seine freizügigere Vorstellung von Liebe auch jenseits der Ehe. Ovid selbst versucht das mögliche moralische Dilemma des Kaisers zu bagatellisieren, indem er in Form einer rhetorischen Frage sagt, dass ein Kaiser Wichtigeres zu tun habe, als seine Dichtungen zu lesen.

„Läsest du denn als Herrscher des Reichs, deinen Posten verlassend, Dichtungen, die aus stets wechselnden Versen besteh’n?“ (Tristia 2, 217 – 220)

Mit seiner eigenen Abwertung versucht Ovid, die Bedeutung des Geschehenen zu reduzieren. Zudem beschreibt er seine Ars Amatoria oder die carmen (Lieder) als eine Art Spiel:

„Wenn es erlaubt ist, ein Spiel zu verfassen, das Schamloses darstellt, hab‘ ich durch das, was ich schrieb, mildere Strafe verdient.“ (Tristia 2, 514 – 516)

Damit mahnt er indirekt an, dass zwischen Ernst und Spiel zu unterscheiden ist. Diese Argumentation kann den Kaiser Augustus aber nicht überzeugen, weil das Spiel im Zusammenhang mit ihm selbst offenbar beschämend war. So wie die Göttin Diana vom Blick des Jägers beschämt wurde und daraufhin den Jäger verwandelte, so hat der Kaiser durch die Verbannung auch eine Form der Verwandlung eingeleitet. Ovid möchte dem möglichen Tod, den der Jäger nach seinem zufälligen Blick erleiden muss, entrinnen.

Was lässt Ovid hoffen?

Ovid empfindet Furcht und Angst, weil er nicht weiß, wie lange seine Verbannung andauern wird. Er fragt sich letztlich, ob er als Verstoßener sterben muss oder Gnade erfahren darf. Aus dieser Furcht heraus, die er mit den Worten „… und von der quälenden Furcht sind meine Zeilen durchbebt“ (Tristia 3, 1,53) beschreibt, versucht Ovid mit Worten, den Kaiser milde zu stimmen. Das, was Ovid am Leben in der barbarischen Verbannung hält, ist seine Hoffnung, vom Kaiser begnadigt zu werden bzw. nach dessen Tod von dem Nachfolger aus der Verbannung erlöst zu werden. Sein Leben sind die Worte, das Schreiben und die Dichtung. Er nutzt seine Fähigkeiten in Form von Briefen und der Tristia, seiner Klagelieder, zu einer persönlichen Darlegung seiner Situation und einer indirekten Rechtfertigung, die den Kaiser nicht beschädigt. Ovid glaubt an sich und an eine Form der Gnade und zeigt damit indirekt, dass er sich nicht wirklich eines Verbrechens schuldig fühlt. Dennoch bedeutet der Ausstoß aus Rom und der römischen Gesellschaft nicht nur einen Bruch in seinem Leben, sondern auch in seiner literarischen Arbeit. Die Macht des Kaisers und damit des Staates ist in der Lage, die geistige freie Tätigkeit eines Menschen zu unterbinden und deren Fortsetzung letztlich zu zerstören.

„Wenn etwas fehlerhaft wäre in meinem Werk – was auch sein wird -, dann entschuldige dies, Leser, mit meinem Geschick! Ich war verbannt und sehnte nach Ruhe mich, nicht nach dem Ruhme, dass auf sein Leid nicht stets bliebe gerichtet mein Sinn“ (Tristia 4, 1, 1 – 4)

Ovid kann sein Leid, Opfer einer Intrige oder einer Verfehlung geworden zu sein, nur ertragen, indem er schreibt und seine Aufmerksamkeit von dem Leid selbst abzieht. Damit stehen nicht Ruhm und die distanzierte Betrachtung gesellschaftlicher Vorgänge im Fokus, sondern es beginnt die Zeit der Ruhe und die persönliche Auseinandersetzung. Nachdem seine Hoffnung auf eine mildere Form des Exils nach dem Tod des Kaisers und nach Aufrechterhaltung der Situation durch dessen Nachfolger Tiberius stirbt, beginnt Ovid auch physisch zu sterben. Tiberius Verhalten legt den Schluss nahe, dass auch er in die Verfehlung oder Intrige involviert war und eine Milderung der Strafe für ihn eine Schwächung bedeutet hätte. Ovids Werke sind in Rom zu dieser Zeit aus den Bibliotheken verbannt. Das Werk der großen künstlerischen Seele hat bis heute überdauert.

Was kann uns das Rätsel um die Verbannung Ovids heute lehren?

Die Verbannung des Schriftstellers Ovid bleibt bis heute rätselhaft, weil eine klare Benennung sowohl seitens Ovid selbst als auch von anderer Seite fehlt. Es ist aber davon auszugehen, dass Ovid unbewusst oder zufällig Mitwisser einer Intrige erotischer Art im direkten Umfeld des Kaisers Augustus geworden ist. Der Kaiser Augustus hat direkt ohne Verurteilung oder Senatsbeschluss Ovid persönlich verbannt, wobei der Grund zur damaligen Zeit allgemein bekannt war. Die freie Dichtung der Liebeskunst wurde für den Kaiser in Kombination mit dem Mitwissen Ovids in Bezug zu einer Verfehlung oder Intrige zu einem Problem des Machterhalts, das er nur durch eine Verbannung lösen konnte. Da es sich nicht um ein Verbrechen, sondern um eine zufällige Wahrnehmung gehandelt hat, hat Ovid auf eine Milderung seiner Strafe gehofft. Diese wurde ihm auch durch den Nachfolger des Kaisers, der in diese Intrige ebenfalls involviert gewesen sein könnte, nicht gewährt. Die willkürliche Macht des Kaisers und die Verbannung Ovids zeigen in der Exilliteratur der Klagelieder die persönliche Auseinandersetzung mit dem Leid, mit dem der gesellschaftliche Tod verarbeitet wurde, und gleichzeitig zeigen sie das Hoffen auf Milde, das durch eine indirekte Beeinflussung in Bezug auf das Strafmaß erreicht werden sollte. Obwohl Ovid seine Ziele verfehlt hat und seine Werke zu Lebzeiten verbannt wurden, ist sein Werk bis heute in unserer Kultur verankert und seine Exilliteratur beispielgebend für die jüngere Exilliteratur.